Jesper Hansen

Perfektion bis ins kleinste Detail

Europameister, Weltmeister und olympischer Silbermedaillengewinner

Olympisches Skeetschießen auf höchstem Niveau

Skeet-Schütze Jesper Hansen war der erste dänische Athlet, der von DIF/Team Denmark für die Olympischen Spiele 2024 in Paris nominiert wurde. Der Weg zu Olympia ist lang – geprägt von Training, Wettkämpfen und der ewigen Suche nach Perfektion.

Eine Wurfscheibe zu treffen ist nicht einfach nur das Treffen einer Wurfscheibe, wenn man auf Jesper Hansens Niveau schießt. Ein Niveau, von dem die meisten nur träumen können und das mehr Trainingsstunden verlangt, als viele Menschen überhaupt aufbringen können. Er ist der erfolgreichste Skeet-Schütze Dänemarks mit Goldmedaillen bei Welt- und Europameisterschaften und hat Dänemark bereits dreimal bei Olympischen Spielen vertreten. Diesen Sommer wird er es erneut tun.

Ein solches Niveau erfordert einen permanenten Fokus auf den Sport – kombiniert mit körperlichem Training, Mentaltraining und natürlich intensivem Schießtraining. Alles dreht sich darum, konstant Höchstleistungen abzurufen. Deshalb arbeitet Jesper eng mit einem Personal Trainer, einem Sportpsychologen und einem spezialisierten Schießtrainer zusammen, die ihn dabei unterstützen, seine Ziele zu erreichen. Neben 8–10 Stunden auf dem Schießstand an sechs bis sieben Tagen pro Woche dreht sich alles in seinem Alltag nur um eines: der Beste zu sein.

Die Summe aus Teamarbeit und eigener Disziplin gibt Jesper die Sicherheit, optimal vorbereitet zu sein und dass seine Ausrüstung bis ins kleinste Detail perfektioniert wurde. Die Flinte ist zu 100 % auf ihn angepasst, die Schießweste sitzt exakt richtig, fühlt sich beim Anschlag perfekt an und selbst die Taschen sind so geschnitten, dass das Gewicht der Patronen ihn weder aus dem Gleichgewicht bringt noch beim Mitschwingen stört.

Auch die Schießbrille ist sorgfältig ausgewählt – die Gläser werden passend zu Licht, Wetter und Hintergrund am Wettkampftag abgestimmt. Selbst T-Shirt, Cap, Gehörschutz, Hose und Schuhe stammen nicht einfach zufällig aus dem Kleiderschrank. Alles wurde über zahlreiche Trainingseinheiten und Wettkämpfe getestet und „eingetragen“, damit Jesper genau weiß, dass es funktioniert.

Er ist nicht abergläubisch und hat keine klassischen Rituale wie Fußballspieler, die zuerst den linken Schuh anziehen müssen. Seine „Rituale“ liegen in der akribischen Vorbereitung. Immer exakt dieselben Abläufe. Immer die Gewissheit, dass alles genau so ist, wie es sein soll – damit er während des Wettkampfs nicht darüber nachdenken muss.

Auch wenn Skeetschießen im Alltag eher als Nischensport gilt, erzeugt es enorme Aufmerksamkeit, sobald dänische Athleten international antreten – besonders bei Olympischen Spielen. Das bekam Jesper in Tokio deutlich zu spüren, nachdem er Dänemarks erste Medaille gewonnen hatte, während andere dänische Athleten zuvor leer ausgegangen waren. Die Medien waren hungrig nach positiven Schlagzeilen und die Journalisten standen praktisch Schlange für Interviews oder Kommentare. Innerhalb von 24 Stunden gab Jesper rund 60 Interviews. Natürlich gehört das zum Leben eines Profisportlers dazu und er macht es gerne – trotzdem waren es intensive und anstrengende Stunden für den Silbermedaillengewinner.

„Schützen wirken oft fast mechanisch, wenn sie sich vorbereiten, anschlagen, schießen, entladen und wieder von vorne beginnen.“

Nur ein T-Shirt?

Ein gutes Beispiel für Jespers kompromisslose Vorbereitung war ein Trainingsaufenthalt in Brisbane vor den Olympischen Spielen in Tokio. Dort wollte er unter klimatischen Bedingungen trainieren, die denen in Japan möglichst nahekommen.

Die Kombination aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit setzte dem dänischen Schützen schnell zu. Der Schweiß lief in Strömen und die Feuchtigkeit auf der Haut sorgte dafür, dass der Schaft der Flinte an der Innenseite seines Arms klebte. Das störte den Bewegungsablauf beim Anschlag.

Wer schon einmal Skeet-Schießen gesehen hat – im Fernsehen, auf dem Schießstand oder vielleicht selbst aktiv schießt – weiß, dass alles von Rhythmus und Wiederholung lebt.

Für die meisten wäre das „nur ein bisschen Schweiß“. Auf diesem Niveau kostet es jedoch Konzentration und zerstört den Flow. Also musste eine Lösung her.

Zum Glück war sie einfach: Die Ärmel seines T-Shirts wurden verlängert, sodass der Schaft keinen direkten Kontakt mehr mit der Haut hatte. Dadurch lief der Anschlag wieder sauber und störungsfrei.

Wenn Sie damals nicht darauf geachtet haben: Schauen Sie sich noch einmal die Bilder von Jespers Silbermedaille in Tokio an. Was wie „nur ein T-Shirt“ aussieht, ist eben nicht einfach nur ein T-Shirt. Es ist speziell an die Bedingungen angepasst und Teil der Leistungsoptimierung.

Eine weitere Erkenntnis aus Brisbane war, deutlich mehr Wechselkleidung mitzunehmen als üblich. Durch das Klima waren die Shirts innerhalb weniger Stunden komplett durchgeschwitzt. Ohne frische Kleidung hätte er den Wettkampf in nassen Sachen absolvieren müssen – eine unnötige Ablenkung.

In Tokio wurde die Schießanlage auf einer Start- und Landebahn errichtet. Deshalb musste der gesamte Untergrund temporär aufgebaut werden, damit nach den Spielen alles wieder entfernt werden konnte. Die Oberfläche war schwarz und verstärkte die Hitze zusätzlich, die auf die Schützen abstrahlte.

Natürlich hatten alle Teilnehmer mit denselben Bedingungen zu kämpfen – aber wer nicht genügend trockene Kleidung dabeihatte, hatte einen klaren Nachteil.

„Selbst wenn ich alle Scheiben treffe, gibt es noch Dinge zu verbessern“

Für uns „normale Schützen“ ist eine perfekte Runde erreicht, wenn alle Scheiben getroffen werden. Auf olympischem Niveau reicht das jedoch nicht.

Es geht um Gefühl, Rhythmus und vor allem um Perfektion.

Sie kennen es vermutlich selbst vom Schießstand: Manche Scheiben zerbrechen, andere verschwinden förmlich in einer Staubwolke. Beides zählt als Treffer – aber die perfekt pulverisierte Scheibe fühlt sich besser an, weil sie sauber getroffen wurde. Genau danach strebt Jesper permanent.

Wenn die Scheibe förmlich explodiert, vermittelt das Sicherheit und Kontrolle. Dann weiß man, dass man „im Flow“ ist. Zerbricht sie hingegen nur leicht, bleibt oft ein Rest Unsicherheit.

Je weniger eine Wurfscheibe zerbricht, desto näher war man eigentlich am Fehlschuss. Eine pulverisierte Scheibe wurde sauber von vielen Schrotkörnern getroffen, während eine nur leicht beschädigte Scheibe oft lediglich von wenigen Körnern am Rand der Garbe erwischt wurde.

Es geht außerdem nicht nur darum, die zweite Scheibe im Double zu treffen. Sie sollte möglichst früh nach der ersten beschossen werden. Je weiter die Scheibe fliegt, desto größer werden Risiko und Unsicherheit.

Und ein Fehlschuss bei Olympia kann den Unterschied zwischen einer Medaille und „nur“ einer guten Platzierung bedeuten.

Auch hier steckt enormes Optimierungspotenzial. Das erwähnte T-Shirt ist nur ein Beispiel dafür. Natürlich ist auch die Wahl der Flinte kein Zufall.

Und sie entspricht nicht exakt den Modellen, die man einfach im Jagdgeschäft aus dem Regal nimmt. Man kann zwar das Grundmodell kaufen – diese Flinte wurde jedoch speziell für Jesper gebaut.

Er schießt eine Beretta DT11 Skeet mit Beretta Round-Vorderschaft und einem Glove-Grip-Schaft in Holzklasse 3. Kaliber 12 mit einer Lauflänge von 73 Zentimetern.

Schaft und Griff wurden von Beretta individuell an Jespers Hand angepasst. Natürlich sind auch die Chokes exakt abgestimmt. Jesper verwendet einen Gemini Flush 18.5 (Skeet) in einem Lauf und einen 18.1-Choke im anderen – etwa zwischen ¼ und Skeet.

Auch die Patronen werden sorgfältig ausgewählt und sind keineswegs einfach Standardmunition vom Wettkampftag.

Für die meisten Schüsse nutzt Jesper Fiocchi Golden mit 24 g Schrot in Größe 9.5. Zusätzlich hat er spezielle Laborierungen mit Schrotgröße 7.5 entwickelt, die etwas härter treffen und die er für die Reverse Doubles im Finale verwendet.

Diese Patronen trägt er in einer separaten Tasche seiner Schießweste.

Sie kommen für den zweiten Schuss zum Einsatz, bei dem die letzte Scheibe getroffen werden muss. Diese fliegt meist etwas weiter entfernt als die erste und muss deshalb weiter draußen „abgeholt“ werden.

Dann ist es angenehm, Patronen mit etwas mehr Wirkung zu haben, damit kein Zweifel besteht, ob die Scheibe sauber getroffen wurde.

Die Patronen wurden über ein ganzes Jahr hinweg gemeinsam mit Jesper entwickelt – von Schrotgröße über Becher und Ladung bis hin zum Verschluss der Patrone. Alles wurde in Kombination mit den ausgewählten Chokes getestet, um eine optimale Garbe zu erzielen.

Die Patronen werden tatsächlich komplett nach Jespers Vorgaben gefertigt und vor jedem Wettkampf einzeln gewogen, um sicherzustellen, dass sie den ISSF-Regularien entsprechen.

„Solange ich Spaß daran habe, mache ich weiter“

Für Skeet-Schützen gibt es kein klassisches Karriereende wie etwa im Fußball, wo viele Profis mit Mitte 30 aufhören.

Jesper Hansen ist heute 43 Jahre alt. Vergleicht man ihn mit Abdullah Alrashidi aus Kuwait – dem ältesten professionellen Skeet-Schützen der Welt, der mit 60 Jahren in Tokio Bronze gewann – dann ist 43 praktisch noch jung.

Jesper denkt derzeit nicht daran, die Flinte in den Waffenschrank zu stellen. Solange Motivation und Leidenschaft vorhanden sind, will er weitermachen – auch wenn das Leben als Profi-Skeet-Schütze anspruchsvoll ist.

Es ist ein oft rastloses Leben mit viel Training, mentalen Herausforderungen und Wettkämpfen rund um die Welt. Das Leben spielt sich häufig aus dem Reisekoffer ab – in Hotels, auf Schießständen oder auf dem Weg zum Flughafen.

Wenn der Alltag besonders hektisch wird, nutzt Jesper ein simples Mittel zum Abschalten: ein gutes Buch. Etwas bewusst Analoge, das ihm hilft, herunterzufahren – im Flugzeug, im Hotel oder auch zwischen den Wettkampfrunden.

Pandemie und neue Wege

Die vergangenen sieben Jahre waren besonders fordernd, da die Olympischen Spiele in Tokio auf 2021 verschoben wurden. Dadurch überschnitten sich Wettkämpfe und gewohnte Abläufe gerieten durcheinander. Das sonst übliche „Pausejahr“ nach Olympia fiel für Jesper komplett weg.

Deshalb freut er sich darauf, nach den Spielen in Paris etwas durchzuatmen – auch wenn es im Skeet-Schießen eigentlich nie eine echte Off-Season gibt und man dauerhaft voll fokussiert bleiben muss, um zur Weltspitze zu gehören.

Trotz seiner 110-prozentigen Hingabe zum Sport findet Jesper auch Zeit für andere Projekte und bereitet sich bereits auf das Leben nach der Profikarriere vor.

Denn obwohl Training, Disziplin und Ernsthaftigkeit mit anderen Spitzensportarten absolut vergleichbar sind, verdient man im Skeet-Schießen keine Millionen.

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Zum Glück brennt Jesper weiterhin für den Schießsport und liebt es, Wissen weiterzugeben. Deshalb gründete er „The Elite Experience – by Jesper Hansen“.

Das Unternehmen bietet individuelle Events mit Simulated Game Days auf privaten Revieren oder Schießveranstaltungen inklusive Catering auf den Kopenhagener Schießständen an.

Dabei erhalten Teilnehmer nicht nur Coaching und Tipps zur Verbesserung ihres Schießens, sondern auch spannende Einblicke in Jespers Karriere, seinen Alltag und natürlich jede Menge Geschichten.

Zum Glück findet Jesper trotz allem auch Zeit für die Jagd. Nicht so oft, wie er gerne würde – aber wann immer es möglich ist.

Die Jagd war schon immer Teil seines Lebens. Dort begann alles, als er – wie viele Jungen aus seiner Heimat – mit seinem Vater zur Jagd ging und unzählige Stunden draußen in der Natur und natürlich auch im Jagdhaus verbrachte, wo es nie an guten Jagdgeschichten fehlte.

Später wurden die Stunden auf dem Skeet-Stand verbracht – und seitdem hat er nie zurückgeblickt.

Die neueste Entwicklung in Jespers jagdlichem Leben: Neben den Flinten steht inzwischen auch eine Büchse im Waffenschrank.

Bislang spielte die Büchsenjagd offenbar keine große Rolle für ihn, doch nach viel Überzeugungsarbeit seiner Jagdfreunde machte Jesper schließlich den Jagdschein für Kugelwaffen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit ist er damit auf dem Schießstand wieder der „weniger Erfahrene“. Aber vermutlich nicht mehr lange.

Laut Jesper wird die Büchse in seinem Jägerleben dennoch weiterhin nur die zweite Geige spielen.

Trotz über 80.000 Schuss pro Jahr im Training und Wettkampf wird er des Flintenschießens nicht müde und bevorzugt nach wie vor die Jagd mit der Flinte.

Entgegen vieler Erwartungen sind es dabei nicht Fasane, die er am liebsten jagt. Viel mehr begeistert ihn die Dynamik schneller Tauben.

Deshalb sitzt er besonders gerne im Taubenstand und jagt durchziehende Tauben.

Diese Jagdform stellt hohe Anforderungen an Konzentration und Schießtechnik, wenn die schnell fliegenden Vögel sauber zur Strecke gebracht werden sollen.

Tauben fliegen unberechenbarer als Fasane, die meist etwas „höflicher“ ihre Richtung halten.

Sobald die Tauben richtig ziehen, hat Jesper schon viele erfahrene „Fasanenschützen“ an ihre Grenzen kommen sehen, wenn der Schützenstand gegen den Taubenschirm getauscht wurde.

Und genau dort kehrt der professionelle Skeet-Schütze auch immer wieder zu seinen Wurzeln zurück – für einen Moment einfach wieder „der Junge aus Svebølle“.

Auch wenn Jesper heute ein hochprofessionelles Leben führt, ist er im Herzen immer noch ein bodenständiger Typ aus Westseeland in Dänemark – nur eben deutlich besser mit der Flinte als die meisten anderen Menschen auf der Welt.

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